Hans Magnus Enzensberger, ein Verächter der alten Bundesrepublik Deutschland

Hans Magnus Enzensberger hat diverse Probleme mit den fünfziger Jahren der  Bundesrepublik Deutschland. Es sei einem Landsmann vom selben Jahrgang gestattet, ein paar Anmerkungen zu seinem Text anzubringen.

Natürlich gab es in der Bundesrepublik jener Jahre zahlreiche Nationalsozialisten. Enzensberger spricht zu recht von „Belastungen“ und erwähnt die „schrecklichen Juristen“. Immerhin kam es 1958 zur Gründung der Ludwigsburger „Zentralen Stelle zur Verfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen“, die fortan vorzügliche Arbeit leistete.

Richtig ist auch, dass, wie Enzensberger schreibt, der Weg ins Ausland mit „Visa-Vorschriften, Devisenkontrollen und Aufenthaltsgenehmigungen gepflastert“ war. Doch wurden diese in der NS- und Besatzungszeit eingeführten Hemmnisse erstaunlich schnell abgebaut.

Allerdings muss ich seiner Behauptung widersprechen, die „politische Klasse (der Bundesrepublik habe sich) aus alten Herren rekrutiert.“ Ja, Konrad Adenauer war 1949 in der Tat 73 Jahre alt, der SPD-Vorsitzende Schumacher 54 und der FDP-Vorsitzende Theodor Heuss 65.

Aber sassen nicht im 1949 gewählten Bundestag von der SPD der 36jährige Willy Brandt, Herbert Wehner, 43, Adolf Arndt, 45, Fritz Erler, 36, für die CDU/CSU Richard Stücklen, 33, Franz-Josef Strauss, 34, Kurt Schmücker, 30, Paul Lücke, 35, Eugen Gerstenmaier, 43, Gerd Bucerius, 43, Heinrich von Brentano, 45, von der FDP Erich Mende, 33, Margarete Hütter, 40, August Martin Euler, 41? Diese Auswahl beschränkt sich auf jene, die später in der Bundesrepublik massgebende Positionen einnahmen.

Für einen 20jährigen sind vielleicht alle über 30jährigen keine vertrauenswürdigen Gesprächspartner und die über 40jährigen ohnehin „alte Knacker“. Doch fragt sich, ob ein inzwischen 78jähriger Enzensberger nicht zu einer etwas angemesseneren Beurteilung fähig sein sollte.

Für Enzensberger „war der Krawattenzwang noch lange nicht die schlimmste Zumutung“ - aber damit doch immerhin eine „schlimme Zumutung“. War das wirklich ein Problem  für den armen Enzensberger? Ärger noch sei gewesen, „dass über jeder Familie ein so genannter Haushaltungsvorstand thronte.“ Über „jeder Familie“? Mehrere Millionen Männer waren gefallen oder in Kriegs- und Nachkriegszeit umgekommen, viele von ihnen als Familienväter. Sie konnten schwerlich als Haushaltungsvorstand thronen.

Probleme hatte der bedauernswerte Enzensberger auch mit der Beschaffung von Kondomen. Nur für Volljährige und nur in der Apotheke habe es sie gegeben. Auch das stimmt einfach nicht: Jeder Herrenfriseur offerierte diese Produkte nicht unter, sondern auf dem Frisiertisch, und jede Drogerie, die es in den 50er Jahren noch allerorten gab, führte sie.  

Schliesslich versteigt sich Enzensberger zu der Aussage „im Grunde ist die Bundesrepublik Deutschland ja nicht 1949, sondern ungefähr 1962 oder 1963 gegründet worden“, nachdem er zuvor schon konstatierte „Die Demokratie war … ein Oktroi der westlichen Siegermächte.“

Enzensberger ist wie ich im Jahre 1929 geboren. Er hat also wie ich das Naziregime mit Goebbels-Propaganda, Hakenkreuzfahnen an allen Häusern, Heil-Hitler-Gruss, Deutschem Jungvolk und Hitler-Jugend und dazu den Krieg erlebt, der über fast ganz Europa Tod und Zerstörung  brachte.

Nach diesen verheerenden Jahren war das Leben in der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland mit freien Wahlen und freier Presse nachgerade ein Quantensprung zum Besseren, zur Freiheit. Man vergleiche die Reden des Bundespräsidenten Theodor Heuss (1949 – 1959) mit denen Adolf Hitlers oder die Wochenzeitung „Die Zeit“ mit dem „Völkischen Beobachter“. Wir lebten wieder in einem zivilisierten, sich in der Freiheit übenden Land.

Es ist schwer zu verstehen, dass (abgesehen von unverbesserlichen Nazis und dem linksradikalen Spektrum von Räte-Sozialisten, Trotzkisten, Anarchisten und Kommunisten, letztere setzten auf die DDR) jemand, der das NS-Regime mit Krieg erlebt hat, den schwierigen, aber erfolgreichen Beginn der Bundesrepublik damals nicht dankbar akzeptierte.  Normalerweise  vergleicht man einen Zeitraum mit dem vorhergehenden: Könnte es sein, dass Enzensberger die Nazijahre als weniger drückend als seine „schlimmen“ Jahre in der Bundesrepublik empfunden hat? Sollte dies eine Erklärung für seine Geringschätzung, ja Verachtung der Anfangsjahre der alten Bundesrepublik Deutschland sein?

Ulrich Keitel, Frankfurt am Main

3.7.2007

Dies ist eine Entgegnung auf Enzensbergers Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung „Die falschen Fünfziger“ vom 16./17.Juni 2007.

28.2.05 17:13

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bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


sohn ii (30.7.07 17:25)
Nachdem lange Zeit aus der Einsiedlerstrasse lediglich Schweigen zu Vernehmen war, hat Ulrich Keitel zum Glueck wieder die Maus in die Hand genommen und versorgt uns mit klaren Analysen zu den grossen Linien des politischen Geschehens.


(28.6.16 21:37)
Sehr geehrter Herr Keitel, gaebe es jetzt nicht viele Entwicklungen, die Ihrer klaren Analyse und Beurteilung beduerfen? Ueber weitere Kommentare wuerde ich mich sehr freuen.
Mit besten Gruessen,
Thomas


Keitel (6.7.16 19:37)
Antrag an die 63. Landesversammlung der Europa-Union Hessen
am 18./19. Juli 2014 in Kassel


Es darf nicht sein, dass bei der Europawahl zahlreiche EU-Bürger
zwei Stimmen haben

Immerhin hat ein Wahlberechtigter mit doppelter Staatsangehörigkeit am Abend der Europawahl vom 25. Mai 2014 freimütig bekannt, dass er zwei Stimmen abgegeben hat: die eine in einem Hamburger Wahllokal und die andere im italienischen Generalkonsulat. Das ist nach dem Europawahlgesetz verboten, heisst es doch in § 6 Absatz 4 (Fassung vom 8. März 1994): Das Wahlrecht darf nur einmal … ausgeübt werden.

Die Zahl der in Deutschland lebenden Personen mit zwei EU-Staatsbürgerschaften geht in die Hunderttausende. Sie hatten also schon jetzt die Möglichkeit, bei Europawahlen unbemerkt zweimal zu wählen. Wie groß die Zahl der "Doppelt-Wähler" am 25. Mai 2014 in Deutschland und in der Europäischen Union tatsächlich gewesen ist, bleibt im Ungewissen. Aber Giovanni di Lorenzo dürfte nicht der einzige gewesen sein.

Auf jeden Fall ist die "Doppelt-Wahl" ein nicht hinnehmbarer Verstoss gegen das Europawahlgesetz. Nach deutschem Strafrecht wird Wahlfälschung (Wer unbefugt wählt oder sonst ein unrichtiges Ergebnis einer Wahl herbeiführt …) sogar mit Geldstrafe oder mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet.

Die zuständigen Institutionen, sei es der Gesetzgeber, die Exekutive oder die Gerichtsbarkeit, haben dafür zu sorgen, dass das Wahlrecht auch bei den Europawahlen nur einmal ausgeübt werden kann. Das ist umso dringlicher, da die Zahl der Doppelt-Staatsangehörigen nach dem jüngst verabschiedeten Staatsbürgergesetz stark zunehmen wird. Es besteht also Handlungsbedarf, denn alle "Einmal-Wähler" sind durch die "Doppelt-Wähler" diskriminiert.


Antragsteller: Ulrich Keitel
Stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbandes Frankfurt am Main
Frankfurt/M., 17. Juni 2014

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